Fortsetzung von dem Gedicht vom Clown von Jens

Gedicht vom Clown - Fortsetzung

Fünf Jahre in einer Vorstellung erlebt. Fünf Jahre geprägt von Zweifeln, Existenzängsten und Wertigkeitssuche in der Gesellschaft. Meine Tochter hat diese Worte nie wirklich zu mir gesagt, aber mit ihrer Art und Offenheit der Krankheit gegenüber, habe ich von ihr genau dieses Gefühl, nur „anders gesund“ zu sein, bekommen.
Auch das Publikum hat sich verändert, aus Freunden wurden Bekannte, und Bekannte verblassen irgendwann.


Drei Jahre hat es gedauert, bis ich die Fortsetzung „Der Clown lebt“ geschrieben habe, besser wäre wohl erlebt gewesen, denn es waren die ereignisreichsten Jahre meines Lebens. Scheidung, neue Liebe und Hochzeit und Trennung von meiner Frau. Aber durch die Therapie stand alles im positiven Licht, zumindest mit positivem Ausgang. Ich habe durch sie gelernt, auch in extremen Belastungssituationen für mich das positive Licht zu sehen. Ich fühlte mich (und das Gefühl trage ich bis heute in mir) allem gewachsen und irgendwie unbesiegbar. Im Nachhinein meine ich, dass mich dieses Gefühl vor dem Zusammenbruch der MS gegenüber bewahrt hat. Ich gehe für mich aus jeder negativen Erfahrung umso stärker heraus. Ich gebe zu, dass mich die MS in der Zeit nicht in Ruhe gelassen hat, und mir auch einige Einschränkungen hinterlassen hat. Mein linkes Bein und auch die linke Hand sind seitdem beeinträchtigt. Doch wenn der Kopf positiv mitmacht, dann kann man vieles leichter annehmen und kompensieren.


Im Gedicht ist das Zelt leer, aber noch erhellt. Ich sehe es so, dass das Erhellen die wahren Freunde und Familie sind, die noch geblieben sind, und mit richtigen Freunden um sich herum ist man nicht allein. Gerade durch die MS habe ich auch wundervolle Menschen auf unterschiedliche Weise wie Reha/ Internet/ Kontaktgruppe kennengelernt, einige sind bis heute echte Freunde, und das in ganz Deutschland.


Der Clown lebt

Ein leeres Zirkuszelt,
noch vom Licht erhellt.

In der Mitte kniet der Clown,
allein, aber nicht einsam wirkt sein Schauen.

Die Vorstellung hat ihm gelehrt,
jeder Mensch hat seinen Wert.

Sein Kopf füllt sich mit Gedanken,
die sich wieder zu einem Ganzen ranken.

Schlafend hinter seiner Maske versteckt,
doch sein Herz hat ihn wieder aufgeweckt.

„Das Leben leben,“ sagt er leis,
Freiheit, Glück, alles hat seinen Preis.

Er winkt dem kleinen Mädchen hinterher,
auch ihr Platz ist längst leer.

Sie hat ihm ihre Tränen geschenkt,
so dass er jetzt ganz anders denkt.

Ja kleines Mädchen Deine Worte machen Sinn,
„anders gesund“ ist mein Gewinn.

Viele Vorstellungen wird es noch geben,
für den Clown und sein neues Leben.
©jh06


Ja mein kleines Mädchen ist auch fort, dies ist symbolisch, da mein Töchterchen ja nur an den Wochenenden kommt. Doch immer wenn sie bei mir ist, bewundere ich ihre Selbstverständlichkeit zur MS mit ihren damals acht Jahren.


Wieder vergingen zwei Jahre bis ich „Der Clown geht“ geschrieben habe. In der Zeit habe ich mein Leben in ruhigere Bahnen gelenkt, und neu orientieren müssen.
Für viele ist es bestimmt ein großer Verlust nicht mehr arbeiten zu können, und dann mit 40 Jahren auf das Gleis der Frührentner (oder wie es in meinem Fall heißt Frühpensionär) abgestellt zu werden. Ich war 14 Jahre im Justizvollzug tätig, davor sechs Jahre beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. Doch ich habe mich wirklich ein Jahr gedanklich darauf vorbereitet, und mir in der Zeit neue Aufgaben und Ziele gesucht. Ja und so macht der Clown die Manege für den Jüngeren frei.


Als es Anfang 2007 soweit war, habe ich mich auf das ruhigere Leben gefreut, und diesen Schritt bis heute nicht bereut. Ich habe in dem Jahr für die DMSG- Niedersachsen eine Ausbildung zum Betroffenenberater gemacht. Damit möchte ich nicht nur anderen MS’lern
eine Hilfe sein, sondern es hilft auch mir sehr viel. Hier schließt sich auch der Kreis der Wertigkeit.


In all den Jahren habe ich natürlich nicht nur den Clown geschrieben. Es sind viele Gedichte entstanden, quer durch Erlebnisse oder Fantasien in meinem Leben. So entstand Ende 2007 mein erster Gedichtband.


Der Clown geht

Die Jahre gingen und gehen dahin,
gefüllt voll Freude und Lebensgewinn.

Das kleine Mädchen ist längst groß,
doch sie lebt in seinem Gedankenschoß.

Viele Vorstellungen hat er noch gegeben,
erfüllt mit „anders gesund“ zu leben.

Irgendwann kommt dann die Zeit,
wo der Clown zu sich sagt:„Es ist soweit.“

Er gibt die Manege frei für einen jungen Clown,
und liebt es ihm bei seinen Vorstellungen zuzuschauen.

Ihm hat er all seine Späße beigebracht,
damit das Publikum sich freut und weiterlacht.

Ein Clown aber bleibt man sein Leben lang,
auch als Zuschauer auf der Zirkusbank.

Sein Platz ist jetzt dort, wo sein kleines Mädchen mal saß,
und er durch ihre Tränen seine Krankheit vergaß.

Nachts in der Zirkusleere kann man ihn manchmal sehn,
und wer den Clown so sieht, der wird verstehn.

Lesend sitzt er dann in der Mitte seines Manegenrund,
leise liest er: „Jedes Schicksal hat seinen Grund…“

Kaum hörbar seine Worte, doch wer ihn kennt der versteht.
Der Clown steht auf, der Clown er geht.

Doch er geht nicht fort, denn es heißt dann und wann,
„Manege frei“, unser Clown ist dran.
©jh08


Natürlich ist meine Tochter noch nicht groß, aber ich finde mit ihren zehn Jahren eine tolle Persönlichkeit. Warum sitzt mein Clown auf ihrem Platz, es sind einfach unsere Gedanken die uns immer verbinden, auch wenn sie nicht bei mir ist.
Im Dezember letzten Jahres musste ich einfach „Der Clown geht“ umschreiben. Eine liebe Freundin sagte mir, dass es wie Abschied klingt, und so sollte es ja nicht rüberkommen. Also mit Gedichten umschreiben tue ich mich schwer, denn was einmal aufgeschrieben wurde hat auch seinen Sinn. Deshalb lasse ich den Teil auch hier in meiner Geschichte.
Aber so entstand „Der Clown versteht“, und er beschreibt doch besser die Einfahrt in den Ruhestand, und den Beginn von meinen neuen Zielen.


Der Clown versteht

Das letzte Mal, dass sich heut der Vorhang hebt,
das letzte Mal, dass der Clown in der Manege steht.

Sein Herz hat ihm gesagt: “Es ist Zeit für den Endapplaus.“
noch einmal Clown sein, dann geht es nach Haus.

Im Spiegel schaut er in sein müdes Gesicht,
eine letzte Maske heute, die ein Lächeln verspricht.

Er löscht das Licht und verschließt seinen Wagen,
Kostüm und Maske wird er nicht mehr tragen.

Ein halbes Leben hieß es Vorhang auf in seiner Welt,
bis heute dann der Letzte fällt.

Eine Vorstellung ganz anders als die vielen bisher,
danach gibt es kein geschminktes Lächeln mehr.

So viele Freunde sind noch mal dabei,
nur ein Platz der ist noch frei.

Sein kleines Mädchen hat dort immer gesessen,
hat sie ihn gerade heut vergessen?

Er ist der Clown wohl so gut wie nie zuvor,
doch der letzte Applaus steht kurz bevor.

Die Trompete, zum letzten Mal spielt er sie,
ungeschminkte Tränenerfüllen die Melodie.

Unvergessen bleibt für jeden dieses Lied,
wenn er es mit dem Herzen sieht.

Die Manege bebt, Applaus im Stehen,
seine Maske fällt im Lauf der Tränen.

Er steht auf, verbeugt sich vor seinem Publikum,
Zeit zu gehen, er dreht sich um.

Ein Schatten tritt aus dem Dunkeln hervor,
und es kommt ihm fast wie damals vor.

Eine junge Frau, doch er hat sie sofort erkannt,
dieselben Tränen, dieselbe Hand.

Gemeinsam verlassen sie das bunte Zirkuszelt,
mit ihrer Freundschaft die seit Jahren hält.

Sie begleitet ihn noch ein kleines Stück,
er dreht sich um, noch ein Blick zurück.

Der letzte Vorhang hüllt dieses Leben ein,
doch die Erinnerung bleibt der Weg hinein.

Die Fahnen auf dem Zelt scheinen ihm zu winken,
ein Abschiedsgruß, die Lichter blinken.

Dieser Lichterzauber ist was in seinem Herzen bleibt,
und ihm dort eine Botschaft schreibt:

„Machs gut mein lieber Clown,
vergiss nicht mal wieder vorbeizuschaun.
Der Zirkus ist zwar aus,
doch hier, hier bleibt Dein Zuhaus.
Dein neues Leben wird nicht weniger bunt,
lebe mutig weiter Dein „anders gesund.“
Dein Sinn ist es diesen Gedanken weiterzugeben,
damit viele wie Du ihre Krankheit anders leben.
Ein Schicksal braucht kein geschminktes Lachen,
denn nur Dein eigenes wird ehrliche Freude machen!“

Die Musik verhallt, die Lichter tauchen in die Dunkelheit,
mit ihnen der Clown, der in euren Herzen schreibt..
©jh09


Neue Ziele habe ich eine ganze Menge. Mein zweiter Gedichtband soll Ende des Jahres erscheinen. Eine Hör-CD mit Gedichten und musikalischer Untermalung ist in Arbeit, und im Juni möchte in den Vorstand unseres DMSG- Landesverbandes gewählt werden.
Ich lebe seit Anfang des Jahres mit meiner Lebensgefährtin in einer glücklichen Partnerschaft zusammen. Ich kann wirklich sagen, trotz Multipler Sklerose, trotz meinen mittlerweile größeren Handycaps, mir geht’s gut, oder anders, es ist genau so richtig wie es ist.
Ja hier komme ich auch zum Ende meiner Mut-Mach-Geschichte. Ob sie euch Mut macht, ich wünsche es mir. Birgit hat mir Mut gemacht, euch meine Geschichte auf meine Weise aufzuschreiben. ###


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Ich danke dir, lieber Jens, dass du mich und diese Homepage eingangs in dem Buch erwähnt hast:-)! Mach bitte weiter so. Deine Gedichte sind wunderschön.

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>>> Jutta Kay hat die Bilder vom Clown kreiert und mir genehmigt, sie hier zu veröffentlichen (Link zu ihrer Homepage)








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